Zukunftsgespräche Ronthal 2026: Warum die Zeit reif ist, für große (!) Schritte

Kerze, Gong und die Einladung, dem Gegenüber einmal wirklich in die Augen zu schauen: So begann der 26. August am ZukunftsCampus Ronthal. Ein bewusster Kontrast zu beruflichem Alltag und bekannten Konferenzformaten. Für 40 Menschen aus völlig unterschiedlichen Wirkungsbereichen, die für 24 Stunden miteinander in die Zukunft gereist sind: um dort gemeinsam zu arbeiten, zu reflektieren und zu feiern!

Die Zukunftsreisenden © Jürgen Hammerschmid

Die Frage, die wir uns vorgenommen haben: „Wie kann es uns gelingen, konkrete Zukunftsbilder zu entwickeln, für ein regeneratives (Zusammen)Leben und Wirtschaften?"

Wer die Zukunftsreise antritt, ist kein Zufall. Nach dem Prinzip der Arche Noah wird die Gruppe bewusst zusammengestellt, um Vertreter:innen möglichst diverser Disziplinen an Board zu haben: erneuerbare Energie und Energiegemeinschaften, Bau- und Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und regenerative Ernährung, Finanzen & Versicherung, Kreislaufwirtschaft, Unternehmensberatung, Kommunikation, Wissenschaft, Tourismus und Politik. CoCreation in diversen Gruppen zu in Summe sechs unterschiedlichen Themenbereichen.

Gruppe Kreislaufwirtschaft © Jürgen Hammerschmid

Gastgeber:innen & Zukunftsfelder

Gehostet wurden die Zukunftsgespräche 2026 von Sabine Hoffmann (The Tomorrow Tribe) und Michael Friedmann (ICT Impact), wissenschaftlich begleitet von Prof. Dr. Thomas Brudermann (Klimapsychologie, Universität Graz) und einem Kreis praxis-erfahrener Themenhosts: Petra Van der Wielen (Nachhaltiges Bauen, dena), Dr. Michaela Ziegler (Energiesouveränität, KLAR Graz Umgebung Nord), Alexandra Seyer-Gmeinbauer (Regenerative Ernährung, gaumenhoch), Prof Dr. Annika Wolf (Demokratische Mobilisierung, Hochschule Emden-Leer) und Nadine Schratzberger (Kreislaufwirtschaft, Nadine Consultancy, Circular Fashion).

Michael Friedmann (ICT), Sabine Hoffmann (TTT), Barbara Fekete (TTT), Thomas Brudermann (Uni Graz) hosten die Zukunftsgespräche 2026 © Jürgen Hammerschmid

Hypothesen zum Start

“Zukunft braucht einen Ort, Menschen und Formate” (Sabine Hoffmann, TTT)

  • Als Ort haben wir den ZukunftsCampus Ronthal gewählt, mit seiner transformierenden Energie: Reduktion auf das Wesentliche, Natur, Gemeinschaft und Rückzug, Weitblick und Wohlbefinden.

  • Als Teilnehmer:innen Menschen, die den Mut haben, den Status Quo zu verändern! Aus unterschiedlichsten Bubbles und Fachgebieten.

  • Und wie schon 2025 regenerative Formate des Miteinander Arbeitens: Augenhöhe, diverse Perspektiven, Ruhezeiten und die Integration des Körpers - mit Lukas Teml (Embodied Attention)

“Der nächste große Schritt ist machbar und bringt Einsparungen!” (Michael Friedmann, ICT)

  • 13 Mrd. jährliche Ausgaben ins Ausland für fossile Energieträger

  • 178 Mrd. Kosten für die Energiewende bis 2040

  • 50 Mrd. Einsparungen, wenn wir bis 2040 die Energiewende schaffen (und die Ausgaben dafür langfristig investiert werden)

“Regenerative CoCreation ist das Zusammenarbeitsformat der Zukunft.”
(Barbara Fekete, TTT)

  • CoCreation ist bei Zukunftsthemen ein besonders wirksamer Innovationsansatz, um die volle Kraft unterschiedlicher Mindsets, Erfahrungen und Expertisen zu entfalten.

  • Regeneration
    Erst wenn wir uns die Zeit und den Raum nehmen, um unsere Emotionen in unsere Entscheidungen zu integrieren, kann fundamental Neues und Ganzheitliches entstehen.

Sabine Hoffmann und Thomas Brudermann im Gespräch © Jürgen Hammerschmid

Den Auftakt bildete eine Gespräch zwischen Sabine Hoffmann und dem Klimapsychologen Thomas Brudermann: Wie gelingt es uns, handlungsfähig und konstruktiv zu bleiben - in Zeiten von extremen Dürreperioden in Europa, “garniert” mit internationalen Erdbeben, Krisenherden, Kriegen und vermeintlich politischer Gleichgültigkeit?

 

Hier ein Auszug aus dem Gespräch:

  • Wie kann es uns gelingen, in dieser Situation positiv zu bleiben?
    Bzw. müssen wir das überhaupt?

    Die wesentliche Frage ist vielmehr: “Wie bleiben wir handlunsgfähig und konstruktiv?, meint Thomas Brudermann. Positive und negative Emotionen sind dafür gleichermaßen wichtig.

    Angst und Sorge sind wichtig, weil sie uns Fokus bringen: Den Blick und das Bewusstsein schärfen. Gleichzeitig machen sie uns eng - im Blick und im Zeithorizont.

    Positive Emotionen erweitern unseren Blick und den Zeithorizont. Die Lösung der aktuellen Klima Situation braucht diesen langen Horizont - es ist eine Lebensaufgabe. Die Gefahr positiver Emotionen? Sie wiegen uns in falscher Sicherheit!

Im Wesentlichen geht es bei diesem konstruktiv Bleiben also darum, dass wir die Gradwanderung schaffen, zwischen negativen und positiven Emotionen.

Thomas Brudermann im Gespräch © Jürgen Hammerschmid

  • Wie gelingt der Umgang mit Menschen, die davon überzeugt sind, dass das „ein ganz normaler Sommer“ ist?

    Oft ist die Familie unser “Endgegner” - wir sind in Familiensysteme hineingewachsen, in denen wir zB die Rolle der kleinen Nichte oder des kleinen Neffen haben. Dort zu erklären, dass die aktuellen Phänomene reale Herausforderungen sind, ist eine große Herausforderung.

    Thomas berichtet von einem Dialog mit seinem ehemaligen Tennislehrer, in dem es gelungen ist, über Fragen in ein konstruktives Gespräch zu kommen.

  • Wie können wir die aktuelle Situation/ die Hitze nutzen, um mehr Verständnis für notwendige Veränderungen zu schaffen?

    Die aktuelle Situation ist ein sogenanntes “Gelegenheitsfenster” um über das Thema Klima zu sprechen. Was nicht immer bedeutet, dass wir es auch gut nutzen.

  • Warum fällt es uns Menschen so schwer, Gewohntes zu verabschieden? Das Schnitzel, den Verkehrslärm, die schlechte Luft…

    Das ist psychologisch gut erklärbar: Wenn wir die Wahl haben zwischen etwas Unbekanntem und etwas alt Bekanntem, wählen wir tendenziell das Bekannte. Warum? Weil uns das evolutionär betrachtet, nicht umgebracht hat. Etwas Neues auszuprobieren, birgt im prähistorischen Wald (abgespeichert in unserem Reptiliengehirn) die Gefahr, es nicht zu überleben. Das Gewohnte (Autofahren, Schnitzel Konsum, Fernreisen etc.) bringt uns kurzfristig nicht um, drum fühlt es sich sicher an. Auch die Klimaveränderung ist etwas, das uns (noch) nicht umgebracht hat. Drum fühlen manche von uns keinen unmittelbaren Bedarf für Veränderungen.

  • Welche Tipps hast Du für uns, um heute und morgen den Status Quo, auch unseren persönlichen, hinter uns zu lassen und offen in die Zukunft zu gehen. Bereit für große Schritte – im Kopf und in der Tat!

    Thomas teilt eine Anekdote zum eigenen Auto: Als sein Auto kaputt war, war er gezwungen, etwas Neues Auszuprobieren. Zug und Rail & Drive war die neue Lösung für seine Überland Fahrten. Und genau da ist er passiert, der Schlüsselmoment für die Veränderung: Als eines abends die Warnleuchte aufblinkt und zum dringenden Besuch in einer Werkstätte aufruft, spürt Thomas große Erleichterung. Das Auto einfach abzustellen und sich um nicht weiter kümmern zu müssen. “Das habe ich erleben müssen, wie befreiend das ist. Das hätte ich mir nicht einfach nur vorstellen können.”

    Conclusio: Suche Dir Situationen, in denen Du gezwungen bist, etwas Neues auszuprobieren!

 

Wie geht es Dir, mit dem Abschied von "der guten alten Zeit"?

Sprechen & Zuhören im Wald © Jürgen Hammerschmid

Also haben wir uns diese Frage und unseren Emotionen dazu gewidmet, in 3 Runden Sprechen und Zuhören. Ein Format, das aus dem Kontext der Demokratiebewegung kommt, und die Möglichkeit bietet, eigene Emotionen zu einem Thema wahrzunehmen, zu reflektieren und Menschen mit anderen Meinungen zu hören. Und womöglich sogar die eigene Meinung zu ändern - was wir Menschen in uns wichtigen Fragen, nur äußerst selten tun.

Was dabei entsteht, ist Verbundenheit. Die uns gute Ausgangsbasis war für die Zukunftsreise in ein 2036, für das wir alles gegeben haben!

 

Reise in die Zukunft

Auf allen Ebenen haben wir uns vorbereitet für die große Reise: Optimismus, Phantasie. Kreativität, Freude, Spass, Unerschrockenheit, Hoffnung, Zusammengehörigkeit eingepackt. Verbotene Gegenstände haben wir zurückgelassen: Verzweiflung, Zynismus, Angst, Wut, Negativität, Zweifel, Pessimismus, Egoismus und Eigennutz.

Wie haben gemeinsam eine Zeitmaschine gebaut, uns körperlich ertüchtigt und uns schließlich mit einer Reisebegleitung nach 2036 gebeamt. Mit allen Sinnen (!) haben wir die Zukunft erkundet und dann unsere Bilder geteilt.

Zukunftsbilder 2036

Zukunftsbilder malen © Jürgen Hammerschmid

Sehr konkrete Zukunftsbilder sind entstanden - Visionen für ein neues Wirtschaften und Miteinander, zu 6 Zukunftsfeldern:

👷 Nachhaltiges Bauen — „Wie gelingt die Umstellung auf bio-based Baustoffe und zirkuläre Lösungen am Bau?"

🌟 Energiesouveränität — „Wie kann es uns gelingen, die Kräfte für Erneuerbare Energien zu bündeln?"

🍅 Regenerative Ernährung — „Wie begeistern wir mehr Menschen für bewusste Ernährung?"

♻ Kreislaufwirtschaft — „Wie gelingen Kooperation und Bewusstseinsbildung für zirkuläre Geschäftsmodelle?"

🙋 Demokratische Mobilisierung — „Wie erreichen wir die Mehrheit, die nicht weiß, dass sie in der Mehrzahl ist?"

🤸 Klimakommunikation — „Wie kann es uns gelingen, in dieser spürbaren Klima-Krisensituation handlungsfähig zu bleiben und mit den anderen in Kontakt zu bleiben?"

 

Ein Abend in der Zukunft

Nach der Präsentation der Zukunftsbilder folgte ein pflanzenbasiertes Abendessen in der Zukunft, mit internationalen geschmacklichen Einflüssen. Komponiert von Alp Ruben, dem Hobby Chef aus Wien. Zusammengestellt mit dem Gemüse aus den hofeigenen Beeten.

Der Verdauungsspaziergang wurde genutzt für einen „Future Walk & Talk" — ein einstündiges Format zu dritt, das mit stillem Zuhören beginnt und mit einer Postkarte an das eigene Alltags-Ich endet. Mit dem Ziel, den Fokus für das eigene Wirken zu finden und den eigenen Future-Impact zu steigern.

 

Das Manifest der großen Schritte

Prototyping im Wald © Jürgen Hammerschmid

Am Ende der 24 Stunden hatte jede Gruppe konkrete Prototypen für den nächsten großen Schritt in Richtung „Zukunftsbild 2036" entwickelt. Und eine Liste, was dafür verabschiedet und was neu etabliert wurde. Über alle sechs Themenfelder hinweg zeichnet sich ein Muster ab:

Verabschiedet werden Grundprinzipien des Miteinanders, des Wirtschaftes und unser Lebensstil: fossile Energien und übermäßiger Ressourcenverbrauch, Top-down-Strukturen und Silodenken, Anonymität und Konkurrenz statt Kooperation, Hektik und Vergleich sowie eine Politik der Gleichgültigkeit und Polarisierung.

Neu eingeführt werden Prinzipien der CoCreation und der Regeneration: Dezentralität und Regionalität, Vertrauen und Kollektiventscheidungen, neue Dialog- und Konfliktfähigkeit, Bildung als Schlüssel — auf Höfen, in der Schule, im Umgang mit dem Klimathema — sowie Orte und Rituale für echte Begegnung: essbare Parks in der Stadt, konsumfreie Treffpunkte, gemeinsames Kochen.

Die konkreten nächsten Schritte verbindet ein Wort: Vernetzung! Bau- und Landwirtschaft zusammendenken, Produzent:innen und Konsument:innen verbinden, oder einfach anders ins Gespräch gehen.

Der gemeinsame Nenner im „Manifest der großen Schritte" ist die Überzeugung, dass die anstehende Transformation nicht in Silos gelingt, sondern nur in Kooperation über Branchengrenzen hinweg, mit Vertrauen als Grundwährung.

 

Wie geht's weiter? Ausblick 2027

Zukunftsgespräche 2027

Für 2027 steht der Termin bereits fest: 25. und 26. August, wieder 24 Stunden am ZukunftsCampus Ronthal. Das Format wird nach den Erfahrungen aus den Vorjahren weiterentwickelt — mit dem Ziel, die Teilnehmer:innen vor Ort noch stärker in die Gestaltung des Programms einzubinden.

Wer sich für 2027 einen der Plätze sichern möchte, findet die Bewerbung hier:

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Vom Status Quo zur gemeinsamen Vision – circly OffSite in Ronthal